Ziele, Vorhaben und Ideen im Handlungsfeld Jugend(-arbeit)

Übergeordnetes Ziel im Handlungsfeld Jugend(-arbeit) ist es Rassismus und Rechtsextremismus angemessen in der Arbeit mit Jugendlichen und im pädagogischen Team zu thematisieren und Strukturen in den Einrichtungen zu implementieren, die den verschiedenen Diskriminierungsformen entgegenwirken. In Bezug auf Teilhabe und Partizipation von Jugendlichen ist das Leitziel, diese zu stärken und die Jugendlichen mit niedrigschwelligen Angeboten zu erreichen.

Die hier formulierten Ziele, Maßnahmen und allgemeinen Gelingens-Bedingungen richten sich an alle Akteure der Offenen und verbandlichen Kinder- und Jugendarbeit, die als Inspiration für die eigene Arbeit mit Jugendlichen zu verstehen ist. Die entsprechenden Stellen der Stadtverwaltung fungieren, wie bereits im Handlungsfeld Schule dargestellt, als Unterstützungsstrukturen, die zur Vernetzung beitragen und bei Bedarf eine fachliche Beratung geben.

Allgemeine Gelingens-Bedingungen

Diskriminierung/Rechtsextremismus

Bevor konkrete Ziele und Maßnahmen für die Jugendarbeit dargestellt werden, sollen allgemeine Gelingens-Bedingungen eine erste Orientierung geben. Dazu werden die Ausführungen von Tobias Linnemann, Anna Aleksandra Wojciechowicz und Fidan Yiligin herangezogen. In der Broschüre „Kinder- und Jugendarbeit zu rassismuskritischen Orten entwickeln“ des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit in NRW (IDA-NRW) werden rassismuskritische Bildungspraxen vorgestellt. Zusätzlich wurden die Akteurinnen und Akteure der in der Broschüre vorgestellten Projekte nach den Bedingungen für das Gelingen rassismuskritischer Bildungspraxen befragt. Folgende fünf Punkte konnten als wesentliche Wirkmomente herausgearbeitet werden:

Ziele und Maßnahmen

In der Nachhaltigkeitsstrategie der Stadt Solingen werden bereits Maßnahmenziele benannt, die dem Handlungsfeld Jugend(-arbeit) zuzuordnen sind:

  • Ziel 2.3: […] Die außerschulischen Angebote für Kinder und Jugendliche im Kinder- und Jugendförderplan sind umgesetzt und in Richtung gleicher Chancen für alle weiterentwickelt.

Ausgehend von jeweils einem konkreten Ergebnis aus der Bestands- und Bedarfsanalyse und von dem Austausch mit den Fachvertretungen innerhalb der AGDM Jugend(-arbeit) werden hier exemplarisch einige passgenaue Ziele und praxisnahe Maßnahmen vorgestellt. Diese können als Ideen für die weitere Arbeit der Jugendeinrichtungen und Jugendverbände gegen Rassismus und Rechtsextremismus genutzt werden.

Rassismus/Rechtsextremismus:
Ergebnis: Beleidigungen aufgrund der Herkunft unter Jugendlichen werden oft als „Witz“ gemeint und sind Teil ihres „Jargons“ Ziel: Die Jugendlichen und die Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter werden in Bezug auf Alltagsrassismus und rassistischer, abwertender Sprache sensibilisiert
Maßnahme: Regelmäßige Durchführung von Workshops zu Alltagsrassismus und Sprachsensibilität; Qualifizierung des Personals in den Einrichtungen, Verpflichtung neuer Mitarbeiter zur Teilnahme
Akteure/Kooperationspartner: Jugendeinrichtungen, Jugendverbände, Antidiskriminierungsstellen, Netzwerk für Demokratie und Courage, projekt.kollektiv (IDA-NRW)
Ergebnis: Jugendliche berichten von einer „allgemeinen Ablehnung des Islam“ in der Gesellschaft Ziel: In der Jugendarbeit wird Islamfeindlichkeit verstärkt thematisiert, Aufklärung der Jugendlichen und der Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter über den Islam
Maßnahme: Der Austausch mit Jugendlichen muslimischen Glaubens wird verstärkt, Maßnahmen zur intereligiösen Bildung werden durchgeführt, Kontakte zu den Jugendgruppen muslimischer Vereine werden hergestellt
Akteure/Kooperationspartner: Jugendeinrichtungen, Jugendverbände, Projekt „Nicht in meinem Namen“, Migrantenselbstorganisationen (Alevitische Jugend, Ditib Jugend)
Ergebnis: Ablehnung und Vorurteile gegenüber jungen Geflüchteten Ziel: Vorurteile über Geflüchtete werden abgebaut, der Kontakt zwischen Solinger Jugendlichen und jungen Geflüchteten wird intensiviert
Maßnahme: Neue Patenschaften zwischen Solinger Jugendlichen und jungen Geflüchteten (gemäß dem Peer to Peer Ansatz) werden aufgebaut
Akteure/Kooperationspartner: Jugendeinrichtungen, Jugendverbände, Jugendförderung
Ergebnis: Jugendliche Subgruppen identifizieren sich verstärkt über Herkunft und Nationalität Ziel: Das psychische Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit und Unterscheidbarkeit von anderen insbesondere von Jugendlichen wird respektiert. Jugendliche werden in ihrer Identitätsbildung darin unterstützt, vielfältige Zugehörigkeiten bei sich und anderen als Ressource anzuerkennen. Es wird ernst genommen und analysiert, aus welcher Situation heraus sich Jugendliche vermehrt über Herkunft und Nationalität identifizieren.
Maßnahme: a) Jugendeinrichtungen verzichten auf die Betonung nationaler Zuschreibungen, etwa durch „interkulturelle Fußballturniere“ etc. b) Jugendlichen wird im Rahmen der sozialen Gruppenarbeit die reflexive Auseinandersetzung mit Gruppenzugehörigkeiten und Identität ermöglicht. (Einsatz von Medien, Fortbildungen…) c) Bei Konflikten wird die Attribuierung auf Herkunft und Nationalität aufgedeckt und eher gruppendynamsiche und psychische andere Gründe beleuchtet d) Bei der Selbstdarstellung von Jugendlichen und der Einrichtung selbst werden realen Gemeinsamkeiten, wie soziale Problemlagen, Sehnsüchte, Lebensziele der Jugendlichen betont, genauso wie reale Unteschiede besprechbar gemacht werden.
Akteure/Kooperationspartner: Jugendeinrichtungen, Jugendverbände, Träger von Fortbildungen und Trainings zum Thema Soziale Vielfalt, z.B. „Vielfalt fördern!“
Ergebnis: Antiziganistische Beleidigungen unter den Jugendlichen werden oft wahrgenommen Ziel: Antiziganismus wird in der Jugendarbeit verstärkt thematisiert und Jugendliche werden für dieses Thema sensibilisiert
Maßnahme: Teilnahme der Jugendlichen an Kundgebungen zum Gedenken an die Deportation Solinger Sinti während der NS-Zeit, kritischer Umgang mit medialen Darstellungen zu diesem Thema
Akteure/Kooperationspartner: Jugendeinrichtungen, Jugendverbände
Ergebnis: Konkreter Anlass für Diskriminierung ist häufig das Tragen eines Kopftuches Ziel: Kopftuchtragende Frauen werden als normal wahrgenommen und erfahren keine Art von abwertender Behandlung.
Maßnahmen: Junge muslimische Frauen, die ein Kopftuch tragen, werden in den Jugendeinrichtungen, Jugendverbänden und im Jugendstadtrat angesprochen und ihr Bedarf nach der Thematisierung dieses Themas erfragt. Dazu sollen auch Bedürfnisse und Ideen zur Bearbeitung dieses Themas entwickelt werden.
Akteure/Kooperationspartner: Jugendeinrichtungen, Jugendverbände, Jugendstadtrat, Zuwanderer- und Integrationsrat
Ergebnis: Jugendliche, die von Diskriminierung betroffen sind, wissen nicht wie sie angemessen darauf reagieren sollen Ziel: Betroffene Jugendliche sollen gestärkt werden und mehr Selbstbewusstsein entwickeln. Die sozialen Mechanismen von Diskriminierung werden aufgedeckt. Auch Zeugen von diskriminierenden Übergriffen werden darin gestärkt einzugreifen.
Maßnahme: Jugendlichen wird ein geschützter Raum geboten, in dem sie von ihren Erfahrungen berichten können; Durchführung eines Projekttages zu den Themen Diskriminierung und couragiertem Handeln, im Rahmen von fYOUture werden den Jugendlichen Empowerment-Workshops angeboten, Jugendliche können sich an eine Antidiskriminierungs-Beratungsstelle wenden.
Akteure/Kooperationspartner: Jugendeinrichtungen, Jugendverbände, Netzwerk für Demokratie und Courage, Jugendförderung (fYOUture), Beratungsstelle für Jugendliche gegen Diskriminierung im JUMP-IN (ab 2019)
Ergebnis: Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter berichten, dass Jugendliche für „alles aus den Medien“ zum Beispiel auch rechtspopulistische Propaganda anfällig sind Ziel: Jugendliche können diskriminierende Inhalte und Berichterstattungen im Internet als solche erkennen und richtig einordnen (Medienrezeptionskompetenz)
Maßnahme: Im Rahmen des Projekts fYOUture hat sich eine Planungsgruppe Medien gegründet, die sich mit Diskriminierung im Netz beschäftigt und Workshops für Jugendliche zu diesem Thema anbietet, Jugendliche nehmen an Bildungsmaßnahmen des Medienprojekts Wuppertal teil, Querschnittsaufgabe in den Jugendeinrichtungen
Akteure/Kooperationspartner: Jugendeinrichtungen, Jugendverbände, Jugendförderung (fYOUture), Medienprojekt Wuppertal

Auch für die Bereiche Teilhabe und Partizipation von Jugendlichen innerhalb der Jugendeinrichtung gibt es Qualitätsstandards, die den Verantwortlichen in der Jugendarbeit eine Orientierung geben können. Vieles wird bereits in den Solinger Jugendeinrichtungen und -verbänden umgesetzt. Die folgende Übersicht soll helfen, die aktuelle Praxis kritisch zu reflektieren und eventuell neue Ansätze kennenzulernen.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat im Jahr 2015 eine Broschüre veröffentlicht, in der allgemeine Qualitätsstandards und konkrete Handlungsempfehlungen für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen vor Ort ausgesprochen werden:

Vorgeschlagene Ziele und Maßnahmen:

Teilhabe/Partizipation:
Ergebnis: die Jugendlichen haben eine geringe Selbstwirksamkeit süberzeugung Ziel: Die Selbstwirksamkeitsüberzeugung der Jugendlichen wird gestärkt
Maßnahmen: Implementierung des GEBe-Ansatzes in der Jugendarbeit; Transparanz über Entscheidungswege in der Kommune, Politik und Jugendeinrichtung schaffen; mehr Rechte für den Jugendstadtrat (Rede- und Antragsrecht in Ausschüssen, jugendspezifische Vorlagen der Anträge, Jugendperspektiven in Bürgerbeteiligungsverfahren stärken)
Akteure/Kooperationspartner: Jugendeinrichtungen, Jugendverbände, Jugendförderung
dito Ziel: Der Jugendstadtrat wird durch erweiterte Befugnisse gestärkt
Maßnahme: mehr Rechte für den Jugendstadtrat (Rede- und Antragsrecht in Ausschüssen, jugendspezifische Vorlagen der Anträge, Jugendperspektiven in Bürgerbeteiligungsverfahren stärken)
Akteure/Kooperationspartner: Jugendeinrichtungen, Jugendförderung, weitere Stellen der Stadtverwaltung
Ergebnis: verschiedene Gesellschaftsgruppen spielen in Jugendeinrichtungen keine Rolle Ziel: Alle jugendlichen Subgruppen im Einzugsgebiet fühlen sich in der Jugendeinrichtung willkommen und nutzen die Angebote.
Maßnahmen: Die Einrichtungen reflektieren mindestens einmal im Jahr, welche sozialen bzw. Migrationsgruppen von Jugendlichen die Einrichtung besuchen und an Mitbestimmungsprozessen teilnehmen. Dabei wird auch die quartiersbezogene Statistik der Stadt als Vergleich herangezogen. Es werden Maßnahmen abgeleitet, die spezifische unterrepräsentierte Subgruppen ansprechen.
Akteure/Kooperationspartner: Jugendeinrichtungen, Jugendförderung, SD Statistik
Ergebnis: nicht alle Möglichkeiten der Partizipation werden systematisch genutzt Ziel: Einrichtungen und Verbände nutzen verschiedenste Methodiken der Partizipationsbildung
Maßnahme: Qualifizierung aller Mitarbeitenden mindestens alle fünf Jahre; Begleitung bei der einrichtungsbezogenen Konzeptentwicklung; Kooperation zwischen Offener Jugendarbeit und Jugendverbänden in diesem Thema
Akteure/Kooperationspartner: Jugendeinrichtungen, Jugendverbände, Jugendförderung, Stadt-/ Landesjugendring