SiRaSol – Sichere Räume Solingen: Resilienz, Handlungskompetenz und Vernetzung

0
129
Ulrike Kilp (r.), ist Geschäftsführerin der Diakonie, Judith Yazdani leitet das Projekt SiRaSol. Bild: Christian Beier

Zwei Jahre nach dem Messerattentat vom 23. August 2024 zieht das Diakonische Werk Solingen Bilanz seiner Präventionsarbeit und stellt die Weiterentwicklung seines Projektes zur Radikalisierungsprävention vor. Unter dem neuen Namen „SiRaSol – Sichere Räume Solingen: Resilienz, Handlungskompetenz und Vernetzung“ soll deutlich werden, wofür das Diakonische Werk Solingen steht: die Stärkung gesellschaftlichen Zusammenhalts, die Förderung demokratischer Teilhabe, die Entwicklung widerstandsfähiger Strukturen in einer vielfältigen Stadtgesellschaft und die Erhöhung der Handlungssicherheit von Fachkräften durch Wissen, Vernetzung und Orientierung.

„Das Attentat hat unsere Stadt tief erschüttert. Es hat Fragen aufgeworfen, die uns bis heute beschäftigen: Wie entsteht Radikalisierung? Wie können wir Menschen frühzeitig erreichen? Und was können wir als Stadtgesellschaft tun, damit extremistische Ideologien gar nicht erst attraktiv werden?“, erklärt Ulrike Kilp, Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Solingen.

Als unmittelbare Reaktion auf die Ereignisse wurde 2025 ein Projekt zur Radikalisierungsprävention aufgebaut und durch eine Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen ermöglicht. Im Mittelpunkt stehen die fachliche Auseinandersetzung mit aktuellen Radikalisierungsphänomenen, die Weiterentwicklung sozialarbeiterischer Handlungskompetenzen sowie der Aufbau tragfähiger Netzwerkstrukturen in Solingen.

Die Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre haben gezeigt, dass Radikalisierung nicht isoliert betrachtet werden kann. Ausgrenzungserfahrungen, mangelnde Teilhabemöglichkeiten, Orientierungslosigkeit und digitale Einflussräume spielen eine wichtige Rolle. Zugleich verfügt Solingen über starke Ressourcen: engagierte Fachkräfte, Vereine, Religionsgemeinschaften, Bildungseinrichtungen und eine aktive Zivilgesellschaft. Genau hier setzt SiRaSol an.

„Prävention beginnt lange bevor Sicherheitsbehörden tätig werden müssen“, betont Judith Yazdani, Handlungsfeldleitung Gesellschaftliche Teilhabe im Diakonischen Werk Solingen. „Menschen benötigen Orte, an denen sie Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstwirksamkeit erfahren können. Deshalb schaffen wir Räume für Begegnung, Dialog und Beteiligung.“

Die Basis für das Projekt bildet die praktische Arbeit mit der Zielgruppe, unter anderem im Rahmen von Community-Events, interkulturellen Begegnungsangeboten, Sprachcafés sowie durch die Kooperation mit religiösen und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Ziel ist es, Resilienz zu stärken, Vertrauen aufzubauen und frühzeitig positive Perspektiven zu eröffnen.

Mit der Weiterentwicklung von SiRaSol rücken drei Aspekte besonders in den Fokus: die Stärkung der Handlungssicherheit von Fachkräften, die Förderung von Resilienz und die Vernetzung relevanter Akteurinnen und Akteure. Dazu werden unter anderem ein praxisnaher Methodenkoffer, konkrete Handlungsschritte und weitere Unterstützungsangebote entwickelt, die Fachkräften mehr Orientierung und Sicherheit im Umgang mit Radikalisierungsanzeichen geben.

Gleichzeitig fördert SiRaSol den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Fachkräften, Institutionen, Vereinen, Religionsgemeinschaften und weiteren gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren in Solingen. Ziel ist es, bestehende Strukturen zu stärken, Wissen zu bündeln und langfristig tragfähige Netzwerke für Prävention aufzubauen. SiRaSol versteht sich damit nicht nur als Präventionsprojekt, sondern auch als Impulsgeber für Vernetzung, Kooperation und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Solingen.

Das Projekt wird durch das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen seit Juni 2025 gefördert. Seit Juni 2026 wird die Arbeit zudem wissenschaftlich durch die Fachhochschule Münster begleitet. Gemeinsam werden Erfahrungen aus der praktischen Arbeit ausgewertet und reflektiert, um Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der Präventionsarbeit zu gewinnen. Auf diese Weise sollen praxisnahe Ansätze fachlich eingeordnet, weiterentwickelt und für Solingen sowie darüber hinaus nutzbar gemacht werden.

Trotz der bereits erreichten Fortschritte bleiben die Herausforderungen groß. Radikalisierungsprozesse verlagern sich zunehmend in digitale Räume und soziale Medien. Gleichzeitig nehmen gesellschaftliche Polarisierung und demokratiefeindliche Tendenzen zu. Fachkräfte benötigen Unterstützung und Handlungssicherheit, um Risiken frühzeitig zu erkennen und angemessen zu reagieren. Zudem braucht Präventionsarbeit langfristige und verlässliche Strukturen, da Vertrauen und Resilienz nicht kurzfristig entstehen. Diese Herausforderungen betreffen nicht nur einzelne Institutionen, sondern die gesamte Stadtgesellschaft.

„Die entscheidende Frage lautet nicht, wie wir auf Radikalisierung reagieren. Entscheidend ist, was wir gemeinsam tun, damit Menschen gar nicht erst für extremistische Ideologien empfänglich werden“, so Ulrike Kilp. „Mit SiRaSol investieren wir deshalb in Resilienz, Zugehörigkeit und demokratischen Zusammenhalt. Das ist die nachhaltigste Form von Prävention.“

Zum Artikel im Solinger Tageblatt