Reden. Ringen. Respekt. Fach- und Aktionstag setzt Zeichen für Menschlichkeit

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Wie hält man eine vielfältige Gesellschaft zusammen, wenn es überall knirscht? Beim Fach- und Aktionstag in der Gläsernen Werkstatt am 20. Mai 2025 unter dem Motto „Menschlichkeit und Empathie inmitten der Konflikte“ wurde dazu nicht nur diskutiert, sondern auch bewegt, gestritten – und zugehört.

Den Einstieg gestaltete Yoneiry Torres vom Solinger Sportbund mit einem interaktiven Warming-Up: Statt gelangweiltem Stühlesitzen hieß es aufstehen, mitmachen, Haltung zeigen – wortwörtlich. Wer einer Aussage zustimmte, bewegte sich. Das sorgte für Lacher, lockere Gespräche und eine gute Portion Energie zum Start.

Durch das Programm führte Sinja Waldmann von der Geschäftsstelle des Jugendstadtrats und gab dem Tag einen lockeren, sympathischen Rahmen.

Hasnain Kazim: „Demokratie ist kein Streichelzoo“

Einer der Höhepunkte des Tages war der Impulsvortrag von Hasnain Kazim, Journalist, Autor – und vor allem: streitbarer Demokrat. Schon der Einstieg ging unter die Haut. Kazim erinnerte an den Solinger Brandanschlag von 1993, bei dem fünf Mädchen und Frauen aus rassistischen Motiven ermordet wurden. Dieses Ereignis habe ihn, so Kazim, geprägt, ebenso wie das Attentat beim Festival der Vielfalt im August 2024, bei dem drei Menschen von einem islamistischen Attentäter getötet wurden.

Beide Taten stehen für Kazim sinnbildlich für die Spannungen in unserer Gesellschaft: rassistischer Hass auf der einen Seite, religiös motivierter Extremismus auf der anderen. Seine Botschaft: Wir müssen nicht alles verstehen, aber wir dürfen nie aufhören, Empathie zu zeigen. Er machte deutlich, dass es keinen „neutralen“ Raum gibt, weder in der Debatte noch im Alltag. Wer sich zu Menschlichkeit bekennt, müsse auch den Mut haben, sich klar zu positionieren.

Kazim sprach sich leidenschaftlich für eine lebendige Streitkultur aus: „Demokratie bedeutet nicht Harmonie, sondern das produktive Ringen um gute Lösungen.“ Dabei zitierte er Helmut Schmidt: „Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine.“ Streit sei nicht das Problem, die Art und Weise schon eher.

Ein weiteres zentrales Thema: Meinungsfreiheit. Kazim stellte klar: Die darf und muss es geben – aber eben nicht ohne Grenzen. „Sie dürfen sagen, was Sie wollen. Aber niemand muss es unwidersprochen hinnehmen.“ Wer Diskriminierung oder Hetze betreibt, könne sich nicht auf Meinungsfreiheit berufen. Dass etwa Holocaust-Leugnung strafbar ist, sei kein Angriff auf Debattenkultur, sondern ein Schutzmechanismus der Demokratie.

Mit einem Zitat von Hans-Georg Gadamer brachte Kazim es auf den Punkt: „Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.“ Es gehe nicht darum, andere Meinungen bloß auszuhalten, sondern sie verstehen zu wollen. Kazim zeigte sich selbstkritisch, räumte eigene Provokationen ein, betonte aber: „Es geht um die Sache, nicht ums Draufhauen.“

Triaden-Gespräche: Zuhören als Haltung

Nach Vortrag und Diskussion mit Hasnain Kazim wurde die Aufmerksamkeit auf das gerichtet, was im Alltag oft zu kurz kommt: echtes Zuhören. Wolfgang Arzt vom Diakonischen Werk moderierte sogenannte Triaden-Gespräche, bei denen sich die Teilnehmenden in Dreiergruppen zusammensetzten. Jede Person hatte vier Minuten Zeit, um auf die Frage zu antworten: „Wo habe ich erlebt, dass ich oder jemand anderes menschlich gehandelt hat? Und was hat das bewirkt?“ Die beiden anderen hörten zu, ohne Unterbrechung, und gaben anschließend wertschätzendes Feedback. Danach wurde rotiert. Das Format schuf einen Raum für Vertrauen, Offenheit und Tiefe und war für viele ein überraschend intensiver Moment der Begegnung.

Workshops: Vom Denken ins Machen

Anschließend wurde in mehreren Workshops ganz praktisch weitergearbeitet. Themen waren unter anderem: diskriminierungssensible Sprache, Empowerment im Stadtteil, neue Erzählungen gegen Alltagsrassismus und kreative Projektideen für mehr Teilhabe. Engagierte aus Jugend-, Kultur-, Bildungs- und Verwaltungskontexten kamen ins Gespräch, entwickelten Ansätze und knüpften neue Verbindungen.

Hier ging es nicht nur um Input, sondern auch ums Ausprobieren, Scheitern, Weiterdenken. Die Atmosphäre: offen, engagiert, produktiv und von der Grundhaltung getragen, dass Veränderung nur gemeinsam geht.

Fazit: Klartext statt Kuschelkurs

Der Fach- und Aktionstag war alles – außer bequem. Und genau das war gut so. Zwischen Widerspruch, Zustimmung, Bewegung und Austausch wurde eines deutlich: Demokratie ist Arbeit. Aber sie lohnt sich.

Hasnain Kazims leidenschaftliches Plädoyer für Menschlichkeit, Streitkultur und Mut zur Position hat den Tag geprägt und viele inspiriert, weiterzumachen. Nicht mit ideologischen Scheuklappen, sondern mit Haltung. Nicht mit fertigen Antworten, sondern mit der Bereitschaft zum echten Gespräch.