Ehemaliger Neo-Nazi klärt Schüler auf

Neo-Nazi-Aussteiger Christian Weißgerber berichtet im Schulzentrum Vogelsang

Am 11. und 12. September 2019  besuchte der ehemalige Neo-Nazi Christian Weißgerber vier Solinger Courage- Schulen. Dazu gehörten das Technische Berufskolleg, das Gymnasium Vogelsang, die Geschwister-Scholl Gesamtschule und das Mildred-Scheel Berufskolleg.

Pro Veranstaltung kamen bis zu 400 Besucher, bestehend aus Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften, die mit Begeisterung zuhörten und Interesse zeigten, als der Aussteiger den Verlauf seines Lebens skizzierte und dabei seinen Einstieg in die Neo-Nazi Szene und den Ausstieg erläuterte.

Der 1989 in Eisenach geborene Weißgerber verwies zunächst auf seine Lebensverhältnisse als Kind und erklärte, wie es zu dem Entschluss kam, sich als Nazi zu bezeichnen.

Sein alleinerziehender und gewalttätiger Vater hatte schon früh indirekte rassistische Aussagen getätigt, die Weißgerber somit bereits als kleiner Junge aufnahm. Er machte jedoch deutlich, dass das Klischee „Neo- Nazi wegen schwieriger Kindheit“ nicht automatisch greift:

„Nicht jeder Nazi ist ungebildet und dumm, ich habe zur damaligen Zeit ein Gymnasium besucht und auch dort Anerkennung bezüglich rechter Aussagen gefunden.“

So brachten seine damaligen Freunde ihn dazu, zum Zeitpunkt seines 18. Geburtstags eine Jugendorganisation zu gründen, die den Namen „Pakt Volkstreuer Jugend“ trug. Er entwickelte ein passendes Symbol und sagte dazu: „Das verwendete Zeichen der Wolfsangel wurde eigentlich verboten, da es damals ein Zeichen der SS war. Doch es war üblich, dass wir gewisse Symbole abgewandelt haben, damit sie trotzdem von Gleichgesinnten erkannt wurden.“ In dieser Gruppe war Christian Weißgerber der Anführer von 30 Jugendlichen, denen er seine Ansichten näher brachte und sie zu Demonstrationen, Trauerveranstaltungen und auf Wanderungen mitnahm.

Nach einer 45minütigen Erzählung, wie es zu dem Einstieg gekommen war, bat Weißgerber die Schülerinnen und Schüler, sich in einer fünfminütigen Pause aktiv über die erhaltenen Informationen auszutauschen.

Seine Ausstiegsgründe hatte er bis dahin ausgelassen, damit die Schüler gezielt die Frage nach seinen Ausstiegsmotiven stellen. Er beantwortete die Frage mit mehreren Punkten. Den Schülerinnen und Schülern wurde deutlich, dass der Prozess des Ausstiegs genauso lange, möglicherweise sogar länger, dauert als der Einstieg in die Szene und viel mehr Handlungen nötig sind, um vollständig „resozialisiert“ zu sein. Es kamen aber auch andere Fragen auf, wie zum Beispiel: „Wie reagieren Sie, wenn sie Leute aus ihrer alten Umgebung treffen?“, „Haben Sie mal vorgehabt einen Anschlag zu verüben?“ oder „Haben sie sich besondere Tattoos machen lassen?“.

Weißgerber zeigte sich glücklich über seinen Ausstieg aus der Neonazi-Szene und berichtete, wie wichtig ihm sein Studium sei.

Anlass für seinen Besuch in Solingen war die Einladung von vier „Schulen ohne Rassismus – Schulen mit Courage“. Durch Veranstaltungen wie diese sollen die Schülerinnen und Schüler über politische Themen informiert werden, und das mit dem dazugehörigen Aktualitätsbezug. Die Schulen engagieren sich, um das Thema Demokratieförderung nach vorne zu bringen. Die Schulleiterin des Gymnasiums Vogelsang, Frau Schaumlöffel, betonte:

„Solche außerschulischen Veranstaltungen mit durchaus emotionalen Aspekten setzen besondere Impulse und schaffen andere Zugänge. Junge Menschen interessieren sich mehr denn je für politische Themen, das sieht man beispielsweise an den Fridays for Future Demonstrationen“.

Die Lehrkräfte des Gymnasiums vertiefen die Auseinandersetzung mit dem Thema Rechtsextremismus, indem sie eine Nachbesprechung solcher Veranstaltungen in den Unterricht einbinden und noch offene Fragen beantworten. So zeigen die Courage-Schulen, mit welch großer Motivation sie hinter solchen Veranstaltungen stehen und welche besondere Bedeutung sie für die Schülerinnen und Schüler haben.

Ermöglicht wurde die Tournee von Christian Weißgerber durch den Schulverein des Gymnasiums Vogelsang in Kooperation mit dem Solinger Stadtdienst Integration und der Regionalkoordination „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Gefördert durch das Programm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Bericht von Michelle Koch, Bundesfreiwillige im Stadtdienst Integration Solingen