Am 11. Mai 2026 kamen rund 90 Akteur:innen zu einer gemeinsamen, integrierten Veranstaltung aus Demokratiekonferenz und Fach- und Aktionstag zusammen, um gemeinsam darüber zu sprechen, wie das demokratische Zusammenleben in Solingen im Rahmen der Programme Demokratie leben! und NRWeltoffen künftig gestaltet werden soll.
Auch in Solingen zeigen sich gesellschaftliche Polarisierungen, Konflikte und unterschiedliche Formen der Abwertung. Sie wirken sich darauf aus, wie Menschen Teilhabe erleben, wie sicher sie sich fühlen und wie stark sie sich als Teil der Stadtgesellschaft wahrnehmen. Genau an dieser Ausgangslage setzte die diesjährige Demokratiekonferenz an.
Zu Beginn stellte Anno Kluß Ausschnitte aus den Ergebnissen der Situations- und Ressourcenanalyse für Solingen vor. Auf dieser Grundlage wurden mithilfe einer Punktabfrage sowohl zentrale Phänomene (wie Rassismus, Antisemitismus, Islamismus und weitere demokratiefeindliche und abwertende Einstellungen), als auch verschiedene Handlungsfelder (darunter Jugend, Schule, digitaler Raum sowie Arbeits- und Unternehmenswelt) gewichtet.
Anschließend arbeiteten die Teilnehmer:innen im World Café weiter. Dort ging es darum, konkrete Herausforderungen zu benennen, gemeinsame Ziele zu formulieren und Maßnahmenideen für die weitere Demokratiearbeit in Solingen zu entwickeln.
Die Ergebnisse zeigen, wo die Teilnehmer:innen aktuell besonderen Handlungsbedarf sehen, welche Perspektiven und Ressourcen bereits vorhanden sind und welche Ansätze künftig weiterverfolgt werden können. Sie fließen in die weitere Entwicklung der Handlungskonzepte von NRWeltoffen und „Demokratie leben!“ ein.
Ergebnisse aus dem World Café
Thementisch 1: Situations- und Ressourcenanalyse
In der Situations- und Ressourcenanalyse rückte auch Solingen-Mitte in den Fokus. Benannt wurden eine teils negative Wahrnehmung des öffentlichen Raums, Unsicherheitsgefühle sowie Leerstände und eine geringe Aufenthaltsqualität in der Haupteinkaufsstraße. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Solingen-Mitte nicht nur über Herausforderungen beschrieben werden sollte: Vorhandene Ressourcen und Potenziale sollen stärker sichtbar gemacht und gestärkt werden. Dazu gehört auch, Migration nicht als Problem zu behandeln, sondern als Teil der Stadtgesellschaft und als Potenzial für Wirtschaft, Zusammenleben und Teilhabe anzuerkennen. Bewohner:innen sollen aktiver in die Entwicklung ihres Stadtteils einbezogen, soziale Netzwerke und Quartiersbindungen gestärkt sowie Maßnahmen zur Armutsprävention und gesellschaftlichen Teilhabe weiterentwickelt werden. Für die weitere Arbeit wurde festgehalten, die Analyse in Solingen-Mitte zu vertiefen, zusätzliche Perspektiven aus dem Stadtteil einzuholen und niedrigschwellige Begegnungsräume zu schaffen, die Zivilcourage, Verantwortungsübernahme und gemeinsames Handeln im öffentlichen Raum fördern.
Thementisch 2: Rechtsextremismus
Beim Thema Rechtsextremismus wurde seitens Teilnehmenden gewünscht, dass Wissen über rechtsextreme Ziele, Strategien, Strukturen und Symbole breiter vermittelt werden sollte. Neben Schule und Jugendarbeit sollen dabei auch Arbeitswelt, Wirtschaft, Gewerkschaften und weitere Multiplikator:innen stärker angesprochen werden. Gleichzeitig wurde festgehalten, dass extrem rechte Einstellungen auch in der Zuwanderungsgesellschaft betrachtet und in der Präventionsarbeit differenziert mitgedacht werden müssen. Als wichtige Ansätze wurden ein schulischer Präventionstag zum Thema Demokratie und Extremismus, zielgruppenspezifische Angebote für Jugendliche sowie Kooperationen mit Jugendorganisationen wie der Jugendfeuerwehr benannt. Auch Veranstalter:innen und Multiplikator:innen sollen für demokratiefeindliche Codes, Narrative und Symboliken sensibilisiert werden. Bestehende Studien und Erhebungen zu rechtsextremen Einstellungen sollen ausgewertet und für die weitere Arbeit nutzbar gemacht werden. Darüber hinaus sollen soziokulturelle Angebote, Dialogformate und Begegnungsräume — etwa Demokratiecafés — gestärkt, ausgebaut und verstetigt werden, um demokratische Teilhabe im Sozialraum niedrigschwellig zu fördern.
Thementisch 3: Demokratiefeindlichkeit
Am Thementisch Demokratiefeindlichkeit ging es vor allem um die Frage, wie demokratische Prozesse zugänglicher, transparenter und alltagsnäher gestaltet werden können. Benannt wurden fehlender Austausch zwischen gesellschaftlichen Gruppen und politischen Akteur:innen,zu wenige Begegnungs- und Beteiligungsräume sowie die Wahrnehmung, dass Demokratie oft komplex und schwer zugänglich erscheint. Auch geringe Offenheit für Perspektiven außerhalb der eigenen Peergroups, Defizite in politischer Bildung und Information sowie eine abnehmende Diskursfähigkeit wurden als Herausforderungen beschrieben. Als wichtige Ansätze wurden konsumfreie Begegnungsräume, demokratische Communities und mehr Austausch im Alltag genannt. Eine übergreifende Strategie zur Engagementförderung soll Bedarfe und Wünsche aus der Stadtgesellschaft bündeln, vorhandene Strukturen öffnen und dort erneuern, wo Beteiligung bisher erschwert wird. Ziel ist es, Teilhabe so zu gestalten, dass Menschen sie als wirksam erleben, positive Beteiligungserfahrungen machen und auch diejenigen einbezogen werden, die sich bisher ausgeschlossen fühlen oder wenig Zugang zu bestehenden Formaten haben.
Thementisch 4: Jugend
Im Handlungsfeld Jugend wurde deutlich, dass junge Menschen stärker als politische Subjekte ernst genommen und verbindlich an Planungs- und Umsetzungsprozessen beteiligt werden sollten. Gleichzeitig prägen soziale Medien, algorithmische Filterblasen und digitale Dynamiken zunehmend die Meinungsbildung junger Menschen. Als Herausforderung wurde außerdem benannt, dass jugendliche Perspektiven und politische Ausdrucksformen häufig zu wenig Anerkennung finden und Adultismus sowie andere Diskriminierungsformen Beteiligung erschweren können. Besonders wichtig bleibt es, auch Jugendliche zu erreichen, die nicht in Vereinen, Einrichtungen oder bestehenden Strukturen angebunden sind. Dafür braucht es verlässliche, transparente und nicht zu langatmige Beteiligungsprozesse, persönliche Begegnung und kontinuierliche Beziehungsarbeit. Aufsuchende Jugendbeteiligung, niedrigschwellige Gesprächsangebote, Jugendmobile, Jugendtreffs und „Dritte Orte“ können dazu beitragen, Jugendliche dort zu erreichen, wo sie sich ohnehin aufhalten, und ihr Gefühl von Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit und Zusammenhalt zu stärken.
Thementisch 5: Schule
Im Handlungsfeld Schule wurde deutlich, dass demokratische Teilhabe im Schulalltag eng mit Gemeinschaft, Diskriminierungserfahrungen, digitalen Herausforderungen und begrenzten Ressourcen verbunden ist. Neben sprachbezogener Diskriminierung, sozialer Segregation und einer teils herausfordernden Lern- und Unterrichtsatmosphäre wurde auch die fehlende Zusammenarbeit zwischen Schüler:innen, Lehrkräften und Eltern als Herausforderung benannt. Ziel ist es, sozial-emotionale Kompetenzen, Selbstregulation, Klassengemeinschaft und demokratische Mitbestimmung zu stärken, damit Schüler:innen Schule stärker als Ort von Teilhabe und Selbstwirksamkeit erleben. Dafür sollen Schüler:innenbefragungen zur demokratischen Beteiligung an Solinger Schulen sowie Elternbefragungen zu Schulwahlmotiven, Teilhabewahrnehmungen und Erfahrungen mit Schule durchgeführt werden. Peer-to-Peer-Ansätze wie die „Medienscouts“ sollen nachhaltig gesichert und digitale Beteiligungs- und Bildungsformate wie „HoloVoices“ erprobt werden. Ergänzend sollen geschlechtersensible und zielgruppenspezifische Bildungsangebote sowie datenbasierte Ansätze zur Förderung demokratischer Einstellungen weiterentwickelt werden.
Thementisch 6: Digitale Welt
Im Handlungsfeld Digitale Welt wurde deutlich, dass digitale Räume demokratisches Zusammenleben sowohl herausfordern als auch neue Möglichkeiten für Teilhabe und Kommunikation eröffnen. Anonymität, Hate Speech, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Desinformation, KI-generierte Inhalte und algorithmische Filterblasen erschweren Verantwortungsübernahme und kritische Meinungsbildung. Gleichzeitig wurde betont, dass digitale Räume nicht nur als Risiko betrachtet werden sollten, sondern auch als Orte, an denen Begegnung, Sichtbarkeit und demokratische Kommunikation entstehen können. Deshalb sollen digitale Teilhabe, Medienkompetenz und kritische Informationsbewertung gestärkt sowie barrierefreie Zugänge verbessert werden. Niedrigschwellige Aktivierungs- und Begegnungsformate an „Dritten Orten“ können digitale Themen mit konkreten Vor-Ort-Erfahrungen verbinden. Zudem sollen Menschen darin unterstützt werden, eigene Perspektiven und Erfahrungen verantwortungsvoll im digitalen Raum sichtbar zu machen, etwa durch Qualifizierungen zu demokratischer digitaler Kommunikation. Aufsuchende Arbeit soll künftig stärker analog und digital zusammengedacht werden, um Menschen dort zu erreichen, wo sie sich tatsächlich bewegen.
Thementisch 7: Rassismus
Im Themenfeld Rassismus wurde deutlich, dass das Thema Islamfeindlichkeit in städtischen Beteiligungs- und Demokratieformaten bislang zu wenig sichtbar ist und die Perspektiven der davon Betroffenen systematischer in kommunale Prozesse einfließen müssen. Auch Alltagsrassismus und fehlende Augenhöhe in Verwaltung und öffentlichen Einrichtungen wurden als Hindernisse für Teilhabe und Vertrauen benannt. Ziel ist es, eine respektvolle, intersektionale und rassismuskritische Zusammenarbeit zu stärken, die unterschiedliche Lebensrealitäten ernst nimmt. Dafür sollen Islamfeindlichkeit in Konferenzen, Veranstaltungen und Bildungsformaten stärker thematisiert, Dialogformate und Schulungen angeboten sowie barrierearme Anlaufstellen, Beschwerdemöglichkeiten und Beteiligungsformate auf Augenhöhe geschaffen werden. Wichtig bleibt dabei, Menschen außerhalb bestehender Netzwerke aktiv zu erreichen, gelungene Beispiele sichtbar zu machen und Veranstaltungen nicht nur für Menschen, sondern gemeinsam mit ihnen zu planen.








